4 Wochen Yoga Vidya Allgäu…

Viktoria Renpenning Ausbildung, Erfahrung Leave a Comment

Vom 28. April bis zum 26. Mai 2019 war ich vier volle Wochen in Maria Rain, einem kleinen Dörfchen im Allgäu, wo ich eine zweite Yogalehrer-Ausbildung begonnen habe. Die Entscheidung, tatsächlich für so eine lange Zeit in das Allgäu zu gehen, um mich einem, wie ich vorher gehört hatte, ziemlich rigidem Yoga-System unterzuordnen, fiel mir unglaublich schwer. Lieber hätte ich eine einmonatige Reise nach Indien gemacht, um dort, dem Ursprungsland des Yoga, einige neue Lektionen zu lernen, oder einfach mal in meiner neuen Tempelhofer Wohnung, die mein Freund und ich erst gerade eingerichtet hatten, zu chillen. Aber ich hatte mir fest vorgenommen, meine zweijährige Yogalehrer-Ausbildung im Bausteinprinzip (mehr Infos darüber auf der Yoga-Vidya-Webseite) in 2019 zu beginnen um zukünftig auch Präventionskurse anbieten zu können. Deshalb war dies in diesem Moment für mich etwas, was ich einfach „hinter mich bringen“ wollte. 

Ankunft in Maria Rain

Schon auf dem Weg nach Maria Rain kam langsam die Vorfreude und die Anspannung auf die bergige Region. Ich war noch nie zuvor im Allgäu gewesen und war ganz begierig zu sehen, was die frische Luft, die Ruhe und die Möglichkeit, sich mit der eigenen Spiritualität auseinanderzusetzen, mit mir machen würden. Aber ich wusste auch eins: Vier Wochen in einem Mehrbettzimmer, Aufstehen um 5.30 Uhr, Programm bis 22.00 Uhr und ganz viel Mantren-Singen kommen auf mich zu. Gerade der letzte Punkt war eigentlich überhaupt nicht mein Ding. Aber was nicht ist, kann ja noch werden… Mit 33 Leuten, vier davon in meinem Mehrbettzimmer, begann ich die Ausbildung mit einem schönen Ritual, in dem die drei heiligen Aschen auf meine Stirn und die der anderen Schüler aufgetragen wurden. Unsere drei Lehrer Rama, Jagadishvari und Karuna Maya hießen uns herzlich willkommen zu diesen vier intensiven Wochen.

Die Region des Yoga-Vidya-Ashrams im Allgäu bietet eine Sicht auf die Zugspitze

Yoga nach dem Yoga-Vidya-Stil

Yoga Vidya ist ein gigantischer Verein, der von Sukadev Bretz nach der Swami-Sivananda-Tradition in Deutschland gegründet wurde. Swami Sivanandas Mission war es, den Integralen Yogaweg zu verbreiten. Dieser schloss somit in der Ausbildung folgende Punkte mit ein:

  • Hatha Yoga – Das physische Yoga
  • Kundalini Yoga – Das Yoga der Energie
  • Jñana Yoga – Das Yoga des Wissens und des Intellekts 
  • Bhakti Yoga – Das Yoga der Hingabe und der Liebe
  • Raja Yoga – Das Yoga des Geistes und der Meditation
  • Karma Yoga – Das Yoga der Handlung und Tat.
Die Puja – Ein Ritual, in der eine Gottheit anrufen wird.

Alle sechs Yogawege wurden in den vier Wochen praktiziert: Jeden Morgen meditierten wir für zwanzig Minuten, bevor wir mit dem Singen von Kirtans begannen, durch die wir unsere Liebe und Hingabe zu Gott zeigten. Anschließend erhielten wir Hatha-Yoga-Unterricht. Nach dem Brunch (es gab nur zweimal am Tag Essen, um 11.00 Uhr und um 18.00 Uhr) ging es für die meisten zum Karma Yoga. Beim Karma Yoga half man im Haushalt mit: Wir durften z. B. Geschirr abwaschen, im Garten mithelfen oder die Yoga-Räume aufräumen. Alle hatten 45 Minuten pro Tag Karma Yoga, manche morgens, manche mittags und manche abends. Nach einer kurzen Pause ging es wieder mit der Theorie weiter. Unsere Ausbilder lehrten uns den Inhalt der Bhagavad Gita, der meistgelesenen Schrift der Welt, wie auch andere Schriften des Yoga. Für das Kundalini Yoga gab es eine spezielle Woche, in der wir uns der Reinigung unserer Energiekanäle widmeten. Dazu gehörten zahlreiche Atemübungen, durch die wir in einer dreistündigen Atmungs-Session geführt wurden. 

Die Routine und die verrückten Tage

Viele von uns, mich eingeschlossen, hat die Routine wahnsinnig gemacht. Ich kann normalerweise sehr gut für mich sein, ohne Ablenkung von Social Media oder anderen Leuten. Aber das tägliche Aufstehen um 5.30 Uhr – JA, jeden einzelnen Tag saßen wir um 6.00 Uhr morgens auf der Matte zur Meditation – und der strikte Plan, der die genauen Uhrzeiten für Meditation, Hatha Yoga, Theorie, Essen und Satsang vorgab, war interessanterweise eine absolute Herausforderung für viele von uns. Ich dachte, dass mir diese Routine unglaublich guttun würde, da mein Tagesablauf in den letzten Monaten ein Chaos war. Jedoch merkte ich in dem Prozess der Routine, wie alles in mir in dem Moment, als wir meditieren sollten, nicht meditieren wollte, und als wir über die Theorie sprachen, ich an meinen nächsten Urlaub dachte. Die Basis war da, aber mein Kopf wollte nicht ruhen. Stattdessen freute ich mich unglaublich auf die Stunden, in denen wir aus der Routine ausbrachen. Ein tolles Beispiel dafür waren die KRIYAS, die körperlichen Reinigungstechniken im Hatha Yoga: An diesem Tag gingen wir alle gemeinsam auf die schöne Wiese im Garten und dann ging es los mit

  • Jala Neti – Der Nasenspülung mit einem Kännchen; da Allergiker und Verschnupfte diese Nasenreinigung auch in der Berliner Zivilisation öfter benutzen, war dies schon eine allzu bekannte Technik für mich um mein Näschen sauber zu bekommen. Die zweite Nasenreinigung war aber neu.
  • Sutra Neti – Die Nasenreinigung mit einem Faden bzw. mit einem Gummikatheter, den man vom Nasenloch über die Nasenhöhlen zum Rachen führt und ihn dann über den Mund wieder rauszieht. Quasi nach dem Prinzip der Zahnreinigung mit Zahnseide, nur eben in einem anderen Bereich des Kopfes. Diese Methode praktiziere ich nun auch ab und an zu hause J
  • Hrid Dauti – Die Reinigung der Speiseröhre mit einer Mullbinde. Du rollst die Mullbinde auf, machst einen Knoten an ein Ende, sodass sie sich besser schlucken lässt und versuchst die Mullbinde dann mit viel Wasser die Speiseröhre runterzubekommen. Auch wenn man nicht angeekelt war von der Tatsache, dass man eine Mullbinde schlucken sollte, war alleine der Versuch bei den meisten vergeblich.
  • Kunjal Kriya – DAS ÜBERGEBEN! Wie schlimm es auch klingt, es war doch eine sehr bizarre und zugleich lustige Situation. Wir haben alle so viel Salzwasser wir möglich getrunken und sind anschließend alle an den Gartenzaun gegangen um uns mit dem Setzen des Brechreizes kollektiv das Salzwasser mit der Magensäure und weiteren Verschleimungen, die man dort so hat, aus dem Körper zu kotzen. Dadurch, dass diese Art von Übergeben nichts mit normaler Übelkeit zu tun hatte und auf leeren Magen geschah, hatte es sich auch nicht so unangenehm angefühlt, wie wir alle gedacht hatten. Trotzdem möchte ich hier noch einmal vorwarnen, dass das keine Einladung sein soll, sich regelmäßig zu übergeben, um seinen Körper zu reinigen. 

Weitere Reinigungstechniken, wie Trataka, das Anstarren eines Objekts, z.B. einer Kerze, oder die Atemtechnik Kapalabhati werde ich hier nicht erläutern. Andere Techniken wie Basti, den Einlauf, durften wir „leider“ nicht ausprobieren. Für manch einen klingt dies wie Folter im Yoga-Stil, für mich waren es die coolsten Momente, in denen ich angeleitet extremere Erfahrungen machen konnte, um herauszufinden wie sich etwas für meinen Körper anfühlt. Das nennt man dann die Lehre „verinnerlichen“, denn vergessen werde ich nun bei den Kriyas höchstens die Sanskrit-Namen. 

Yoga Vidya und ich

Viele, die eine Yogalehrer-Ausbildung machen oder auch eine intensive spirituelle Zeit in einem Ashram oder einem anderen Ort zum Zurückziehen nutzen, spüren plötzlich, wie Gefühle aus ihren Tiefen an die Oberfläche schwimmen und sie emotional mitnehmen. Das Loslassen an solchen Orten tut gut. Du musst nicht irgendwelchen Erwartungen entsprechen. Du musst nichts leisten. Du musst keine Erfolge in einer spezifischen Zeit vorzeigen. Du darfst einfach sein. Du darfst singen, beten, dich unglaublich gesund ernähren, dich über die frische Luft freuen, Yoga praktizieren und schlafen. Und das ist ok. Das zu wissen, tut gut. Eine simple Wahrheit, die wir gerne, vor allem in der Großstadt und im Kommerzdschungel, vergessen. Du brauchst nicht einmal viel Geld, um das zu erleben, denn in den Yoga-Vidya-Ashrams kannst du täglich sechs Stunden im Haushalt mithelfen (Karma Yoga) und somit dir deinen Schlafplatz und dein Essen verdienen. Darüber hinaus darfst du an allen Aktivitäten teilnehmen. Diese simple Wahrheit und dieses simple Leben sind manchmal so überwältigend, dass die Tränen nicht mehr aufhören möchten zu laufen. Schmerzen, die man tief vergraben hatte, kehren zurück und möchten betrachtet werden. 

Weiße Hose, gelbes Shirt – Die Farben von Yoga Vidya und der Sivananda-Tradition

Ich habe mich nach diesen tiefen Emotionen, die viele während der Ausbildung hatten, gesehnt. Oft habe ich mich gefragt, wieso ich mich gerade in diesem Ashram plötzlich so gefühlstot fühlte (gefühlstot bedeutet in diesem Fall das Nicht-Weinen-Können J). Was ist es, dass ich nicht spüre, wo ich doch bei meiner ersten Ausbildung in Kopenhagen Momente hatte, bei denen ich nur noch Rotz und Wasser geheult hatte und anschließend die beste Meditation meiner Meditationskarriere gespürt hatte. Meine persönliche Erklärung ist die folgende: Jeder hat einfach eine andere Art sich mit sich selbst zu verbinden. Bei Yoga Vidya wurde viel kollektiv gesungen, Geschichten erzählt und auch Yoga gemacht, um in einen guten Zustand der Meditation zu kommen. Jedoch ist der zwischenmenschliche Energieaustausch durch Berührungen kein Teil der Ausbildungen gewesen. Gerade diese Art des Energieaustausches ist jedoch für mich zur Essenz meiner Meditation geworden. Mein Highlight bei der Meditation war, als ich eine Rücken-Zu-Rücken-Meditation mit meiner Freundin und Yogalehrerin Katha hatte. Wir saßen 15 Minuten Rücken an Rücken, wobei sich niemand an den anderen anlehnte und unsere Körper sich mit einer solchen Leichtigkeit berührten, dass man hätte denken können, die eine sei das Spiegelbild der anderen. In diesen 15 Minuten spürten wir, dass alles um uns herum unwichtig war, und wir genossen die Süße des Moments. Wenn ich diese Energie in mir spüre, sitze ich auf dem Kissen im Schneidersitz, als ob ich für immer so sitzen könnte. Es gibt kein besseres Gefühl auf der Welt, als die Leichtigkeit beim richtigen Sitzen. Vielleicht werde ich eines Tages einen Zugang zur Meditation ohne körperliche Unterstützung finden, vielleicht nicht. Das Wichtigste ist, dass man für sich selbst einen Weg erkennt, um zu sich selbst zu finden. Ich bin glücklich, dass im Allgäu einige sich selbst wieder neu gefunden haben und Gefühle zulassen konnten. Ich selbst weiß jetzt besser, wo MEIN Yoga und MEIN Yoga-Lehrer sind. Was habe ich vermisst in der Ausbildung? Nähe. Nähe zu meinen Mitmenschen, Nähe zu meinen Lehrern. Die Ausbildung war so intensiv in Ihrem Lehrstoff, dass mir der persönliche Austausch mit Leuten gefehlt hat. Im Nachhinein bin ich glücklich, dass ich ein Mehrbettzimmer hatte, denn so ist man automatisch ins Gespräch mit seinen Zimmergenossinnen gekommen. Ich habe mir mal eine Umarmung von einen der tollen Lehrer gewünscht oder ein tieferes Gespräch. Aber all dies blieb auf der Strecke, da das Programm so straff war. Auch war es schwer, sich über andere Yoga-Unterrichts-Möglichkeiten auszutauschen. Es ist eben das, was man öfter in der Yoga-Welt mitbekommt: Wir neigen dazu doch verschlossener zu sein, als wir möchten. Doch dann unterrichtet Rama einen Hatha-Yoga-Fortgeschrittenen-Kurs und du lachst dich so dabei kaputt, dass du nicht mehr weißt, ob die Starrheit vielleicht nur zum Besten der Ausbildung aufgebaut wurde. Übrigens hat sich meine Beziehung zu Mantren und Kirtans verbessert. Wir sind noch nicht beste Freunde und werden es vielleicht niemals werden. Aber ich verstehe nun besser, warum für manch eine*n Mantren eine wichtige Bedeutung haben. Jeder Weg macht dich weiser und jede Erfahrung macht dich bzw. mich zu einer besseren Yogalehrerin. Danke Yoga Vidya!

Wenn du noch mehr zu Yoga Vidya, meiner Zeit im Ashram oder anderen Themen in diesem Blogpost, auf die ich nicht weiter eingegangen bin, wissen möchtest, dann schreibe mir einfach und vielleicht wird es die Inspiration zu einem neuen Post. Om Shanti!

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